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23. September: 4. Tag im Standoff

  Wir sind nun auf dem Weg nach Marseille. Weder Italien noch Malta noch Deutschland sind ihrer Aufgabe, die Rettung zu koordinieren nachgekommen und wir fahren in den nächsten Tagen Richtung Frankreich. https://sea-eye.org/alan-kurdi-setzt-kurs-auf-frankreich/ Die Stimmung an Bord ist ganz gut, aber wird natürlich immer belasteter je länger der Standoff dauert. Wir haben heute Kartenspiele und ein paar andere Spiele ausgeteilt und das kam gut an und hat die Leute beschäftigt. Ich habe auch ein paar Mal Schach spielen können. Was die Geretteten mir in den Interviews, die ich mit ihnen mache, erzählen ist echt bedrückend und erschreckend. Einige haben gesehen, wie Freunde erschossen wurden, andere wurden selber ins Gefängnis gepackt und haben mir Wunden aus den Camps gezeigt. Häufig werden Menschen festgehalten und erpresst, wenn sie oder ihre Familie nichts bezahlen, werden sie erschossen. Die Zustände, die ich aus den Camps höre, lassen mich nicht los und ich versuche vors...

22. September: 3. Tag im Standoff

Heute Nacht haben wir alle sehr wenig geschlafen. In den frühen Morgenstunden wurde zwei Familien, ingesamt 8 Personen, von der ALAN KURDI evakuiert, da die Kinder medizinische Betreuung an Land brauchen. Die Evakuierung wurde mitten in der Nacht durchgeführt, sodass wir um 4:30 Uhr all unsere Gäste wecken mussten, um unsere RHIBs zu Wasser zu lassen und die Menschen zu evakuieren. Als das Manöver beendet war, konnten wir direkt mit dem Frühstück beginnen. Danach war es wichtig, die Evakuierungen und unseren weiteren Kurs zu erklären. Da unsere Gäste auf unser Vorder- und Achterdeck aufgeteilt sind, müssen Jonas und ich übrigens jedes Briefing immer doppelt halten. Danach haben wir dann viel mit den Menschen gesprochen und mit einer Karte des Mittelmeers – unser wichtigstes „Werkzeug“ genau erklärt, wo wir sind und wo wir nun hinfahren. Wir sind gerade auf dem Weg Richtung Sizilien und sind durchgehend in Verhandlungen mit verschiedenen Akteuren. Die Abläufe an Bor...

21. September: Tag 2 im Standoff

  Unsere Gäste sind nun seit 48 Stunden an Bord. Der heutige Tag war sehr anstrengend für alle. Uns geht es gut und unsere Gäste sind wirklich sehr freundlich und hilfsbereit und sind froh darüber, in Sicherheit auf der ALAN KURDI zu sein. Doch natürlich werden wir sehr viel gefragt, wann sie vom Schiff können. Die Situation an Bord ist wirklich nicht komfortabel mit 153 Menschen (133 Gäste + 20 Crewmitglieder) auf diesem kleinen Schiff. Wir erklären immer wieder, dass wir unser Bestes geben, damit die Menschen von Bord können, doch dass das evtl. dauern kann. Die Menschen an Bord sind wirklich sehr verständnisvoll. Doch je länger der Standoff wird, desto schwieriger wird die Situation werden. Wir lagen heute vor Lampedusa und haben Kontakt mit italienischen, maltesischen und deutschen Behörden. Alle schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu und niemand möchte helfen.. Nun sind wir auf dem Weg Richtung Sizilien. Jonas und ich sind sehr viel an Deck und ...

20. September: Update von der ALAN KURDI

Das Wichtigste zuerst: Unseren 133 Gästen und der Crew geht es gut. Es war für alle ein anstrengender Tag und vieles muss sich im Zusammenleben von 153 Menschen erstmal finden. Es zeigt sich, dass unsere vielen vorherigen Überlegungen wirklich viel bringen, trotzdem muss man natürlich vieles an die Situation anpassen. Die Logistik (Essensausgabe, Deckenverteilung, etc.) hat für den ersten Tag schon sehr gut geklappt. Ab morgen kriegen unsere Gäste für jeden Tag einen festen Tagesablauf. Um 8:30 und 16:30 Uhr gibt es warme Mahlzeiten und mittags außerdem einen kleinen Snack. Jonas und ich werden mind. einmal pro Tag ein Briefing mit den Gästen haben, um ihnen neue Informationen zu geben und das Leben an Bord zu regeln. Die beiden Briefings heute haben gut geklappt. Ich mache die Ansagen auf Englisch, Jonas übersetzt ins Französische und wir haben zwei Gäste, die gut Englisch sprechen und ins Arabische übersetzen können. Dies sind also unsere drei Sprachen an Bord. Ich habe heute sc...

19. September: 3 Rettungen an einem Tag, 133 Personen in Sicherheit, Crew und Gäste sind wohlauf

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  W as ein anstrengender aber erfolgreicher Tag. Um 11:40 Uhr wurde ich auf die Brücke gerufen. Keine 10 Minuten später begann schon die Rettung. 90 Menschen waren auf einem wahnsinnig überfüllten Schlauchboot unterwegs und wir konnten sie zum Glück alle sicher an Bord bringen. Eloy hatte das Boot während seiner Wachschicht gesehen. Als die Rettung noch nicht abgeschlossen war, haben wir dann noch ein zweites Boot in Seenot entdeckt und direkt die zweite Rettung durchgeführt, bei der wir 24 Menschen in Sicherheit bringen konnten. Wir waren wirklich gerade rechtzeitig vor Ort, denn die „Libysche Küstenwache“ war schon am Horizont zu sehen und kam max. 5 min nach der Rettung der Menschen an. Den Nachmittag haben wir dann damit verbracht, unsere Gäste an Bord mit Wasser und Tee zu versorgen. Doch gegen Abend kam dann noch ein Notruf rein. Zum Glück waren wir in der Nähe und konnten auch das dritte Boot sicher retten. Mit den 19 Personen, die wir da gerettet haben, ha...

15. Eintrag: 17. September

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  Wir sind heute morgen in unserem Suchgebiet ca. 25 Seemeilen von der Libyschen Küste entfernt angekommen, fahren Patrouille und halten nun besonders intensiv Ausschau nach Booten in Seenot. Ich hatte heute zwei Wachschichten. Dafür stehen wir zu zweit auf unserem Topdeck und suchen mit Ferngläsern nach einem bestimmten Muster den Horizont ab. Die erste Schicht hatte ich zum Sonnenaufgang mit Joris, da waren aber leider ein paar Wolken vor der Sonne. Nachmittags hatte ich dann noch eine Schicht mit Richard. In fast 4 Jahren Seenotrettung hat Richard schon viel gesehen und erlebt. Es war sehr spannend mit ihm über Fluchtursachen, Fluchtrouten etc. zu sprechen, er hat schon häufig mit den Geretteten darüber gesprochen wie das alles abläuft. Doch Richard hat dabei auch schon viel erlebt, was man nicht erleben möchte. Später bei unserer gemeinsamen Kochschicht haben wir uns dann über etwas schönere Dinge unterhalten. Wir haben ghanaische Musik gehört und uns über Ghana, F...

14. Eintrag: 16. September

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So, nun kann ich euch die letzten Mitglieder unserer Crew vorstellen. Unser Kapitän Joachim, unser Head of Mission Stefan und unser Chief Engineer Simon. Ohne die 3 würde hier gar nichts laufen. Beginnen wir mit der wohl wichtigsten Person an Bord, unserem Kapitän Joachim, mit dem ich gerade die Nachtwache hatte. Joachim lenkt das Schiff und trägt die Verantwortung für die gesamte Mission. Joa chim wohnt mit seiner Frau in Leer/Ostfriesland und ist seit ca. 20 Jahren Seefahrer un d seit 2012 Kapitän auf verschiedenen Handelsschiffen gewesen. Für Sea-Eye ist er auf unserem vorherigen Schiff Sea-Eye schon mehrere Missionen gefahren. Auf der ALAN KURDI ist er mit Pause seit Mai und hat auch die Überfahrt von Palermo in die Werft nach Burriana im Juni gelenkt.   Er steht voll hinter unserer Sache, was sehr viel wert ist. Joachim ist ein entspannter und sehr sympathischer Typ. Er lässt uns bei vielen Dingen freie Hand und ist offen dafür, dass wir uns einbringen. Trotzdem hat er...